Ein letzter Blick in den Spiegel. Bei einem Bewerbungsgespräch würde ich freilich anders aussehen. Aber Moment, Bartstoppeln? Besser noch einmal kurz rasieren, bevors zum Amt geht. Man will schließlich vermeiden, aufgrund seines Äußeren direkt Antipathien und eine Zwangseinordnung in die Kategorie schmuddeliger Nichtsnutz zu provozieren. Womöglich würden sich die Herrschaften dann noch träger und unumgänglicher benehmen als ohnehin schon nachgesagt. Weg mit dem Rasierschaum, ersetzt durch etwas Aftershave - und schon kann’s losgehen…
Auf dem Weg zur Arbeitsagentur grübele ich noch, was ich am Besten sage. Hallo, das ist mein erstes Mal hier…, Hm - nein… Guten Tag, ich muss mich arbeitslos melden? Auch nicht besser… das “muss” könnte falsch interpretiert werden. Mir wird schon was einfallen, denke ich, als ich um genau 12:17 Uhr vor die Tür des etwas versteckt neben der Stadt-Galerie gelegenen Arbeitsamts trete, wo mir ein großes Schild schicksalhaft entgegenlacht:
Normal würde ich ja sagen: Wie konnte ich vergessen, dass das Amt ein Amt ist, und wir heute Freitag haben… aber die Herrschaften haben ihre Kundschaft offenbar so lieb, dass sie ihre Pforten praktisch so gut wie jeden Tag schon zur Mittagszeit schließen. Nun, an sich wären die verbleibenden zehn Minuten auch durchaus ausreichend gewesen um nach einem kurzen Hallo einen Berg von Unterlagen einzusacken, aber… die emsigen Beamten waren umgezogen - hinfort aus der Innenstadt, hin nach… ja wohin eigentlich?
Wohlwissend, dass ich mein Navi nicht dabei hatte, wandte ich mich an den nächsten Stadtplan meines Vertrauens. Besagte Karl-Benz-Straße war etwas weiter weg… und um genauer zu sein… im Gewerbegebiet - am Stadtrand, kurz vor der Grenze zum Nachbarort.
Das wäre natürlich auch meine erste Wahl für ein Job-Center. Weit weg, am besten dorthin, wo kein Bus mehr fährt. Arbeitslose ohne Job und Auto haben schließlich ohnehin jede Menge Zeit für Spaziergänge. Und frische Luft tut auch mal gut. Plus, dann zerrütten sie wenigstens nicht die schöne City-Idylle…
Wie gut, dass ich noch ein Auto habe - doch für einen Sprint an den Stadtrand fehlt trotzdem die Zeit. Schade, hätte zu gerne die Bekanntschaft gemacht.
Stattdessen schlendere ich ein wenig durch die schöne City Langenfelds, wo der heutige Markttag für emsiges Treiben sorgt.
Inmitten der Stände sehe ich eine Frau zu Boden auf ihren Beinen sitzend - einen Becher in die Luft haltend, jedes Mal wenn jemand an ihr vorbeigeht. Noch habe ich keine Formulare ausgefüllt, noch bin ich keine Nummer in der Statistik jener, die keine Arbeit haben um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Doch in einem spontanen Anflug falsch empfundener Solidarität krame ich mein Portmonaie hervor und entleere das Kleingeld.
Besser jetzt noch was Gutes tun bevor ich selbst auf jeden Cent achten muss.
Als ich im Vorbeigehen die Münzen in ihren Becher gleiten lasse, steht schon der erste Marktschreier vor ihr. Er klatscht in die Hände und gestikuliert der südländisch aussehnden Bettlerin, dass der Platz vor seinem Stand ihm und seinen zahlenden Kunden gehört. Ich warte darauf, dass ein vorwurfsvolles “Such dir ‘ne anständige Arbeit!” über seine Lippen gleitet.
Vergeblich - vielleicht hat der Gute ja auch gesehen, wie die ursprünglich benachbarte ARGe sich durch Relokation an den Stadtrand für eben jene Arbeitslose ob wissentlich oder unwissentlich ein klein wenig unerreichbarer gemacht hat…
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02.11.2007 / 19:22h /
Dolle Arbeitszeiten. Ich wechsel den Job.
03.11.2007 / 22:20h /
Besser jetzt noch was Gutes tun bevor ich selbst auf jeden Cent achten muss.
Ernstes Thema, aber lustig geschrieben… Interessanter Text!
05.11.2007 / 23:20h /
[…] a) Die Öffnungszeiten für die, die keine Arbeit haben, sind nicht identisch mit den Arbeitszeiten derjenigen, die dort arbeiten müssen. Was an unsere liebe Nephilim geht, die im vorigen Eintrag fast schon ein wenig neidgeplagt die alltäglich mittägliche Pfortenschließung kommentierte […]