Apr 03

Auch dieses Mal kann ich nur beeindruckt den Hut ziehen. David & Götz haben am vergangenen Freitag wieder eine Show hingelegt, die ihresgleichen sucht. Was die beiden an zwei Flügeln zaubern, Götz mit der gewohnten, stillen Souveränität und David – diesmal ohne gesundheitliche Einschränkungen – als quasikabarettistischer Programmmoderator, macht Spaß, weil es sich technisch auf höchstem Niveau und doch gleichzeitig zugänglich weil publikumsnah abspielt.
Erneut wurden wir mitgenommen auf eine kleine Reise durch die Musikgeschichte. Und bei der Frische und Vitalität, mit der die Show aufgezogen war, tat ich mir schwer, Überschneidungen zum letzten Programm der Showpianisten hier in Langenfeld im Jahre 2009 aufzutun.
Was auch nicht weiter schlimm gewesen wäre, da sich die Zuschauerschaft im Vergleich bestimmt verdreifacht hatte. Für einen Moment war mir sogar so, als habe unter den vielen neuen Gesichtern auch zugleich der Anteil jüngerer Menschen zugenommen.

Kultur, und damit meine ich das Abseits von Internet und TV, hat es schwer in den Junggenerationen. Und das merkt man vor allem auch hier im beschaulichen Langenfeld, wo es keine Riesengigs gibt, die mit bekannten Namen die medialisierte Masse anziehen könnten. Hier bewegt sich Kultur, sei es Theater, Kabarett oder Konzert meist im kleinen Kreise, wobei das Thema Musik wahrscheinlich noch das größte Potenzial hat, auch mal jenseits des gewohnten Zirkels auf das ein oder andere offene Ohr zu stoßen. Warum das so ist?
Die Gründe sind vielschichtig und dürften anderorts bestimmt ausführlicher erörtert sein, als ich es an dieser Stelle tun möchte: Erziehung, Schule, TV und Politik – ein Sammelsurium gutgemeinter aber oft fehlgeleiteter Konditionierungen mit hohem Anteil bewusster Disinformation aber auch unbewusster Informationsasymetrien.

Wer fördert heute noch aktiv Kulturgut? In einer Gesellschaft in der mehr Wert auf die Züchtung ehrgeiziger Konsumsklaven gelegt wird, hat Kultur keinen Platz, denn sie kostet Zeit und Geld und bringt einen augenscheinlich nicht weiter.
Unterhaltung gibt es per Knopfdruck schließlich viel bequemer vom eigenen Sofa aus. Und da könnte man zur Not noch nebenbei den Haushalt machen.

Umso amüsanter, wenn junge Leute, die ja irgendwie dankbar für die Idee und den an sich doch ganz unterhaltsamen Abend den Event reflektieren und in einem einzigen Statement ihre konditionierte Weltanschauung auf den Punkt bringen:

Vielleicht 100 Leute im Publikum, das macht bei 18 Euro die Karte 1800 Euro Gage für einen Abend. Und das soll sich lohnen?

Ich muss zugeben in jenem Moment fehlten mir die Worte, denn es ist nicht meine Art, einem Geschöpf, das indirekt nur auf meine Empfehlung hin an dieser Show teilgenommen hatte, vor den Kopf zu stoßen. Aber am liebsten hätte ich losgefeuert auf all die Naivität, Ignoranz und Oberflächlichkeit, die diese Aussage in sich trägt.
Wie verkorkst muss eine Gesellschaft eigentlich sein, dass selbst die intellektuellen unter den wenigen Kinder, die sie noch hervorbringt, sich nicht vorstellen können, dass diese zwei Künstler womöglich tun was sie tun, aus einer anderen Motivation heraus, als der der monetären Bereicherung.
Vermutlich ist ihm entgangen, dass die beiden liebreizenden Pianoperformer, so verschieden sie sich auch geben mögen, nicht nur die Gemeinsamkeit teilen, homosexuell zu sein. Und dass sie aus jeder einzelnen Performance ihrer Show wahrscheinlich mehr Glücksgefühl ziehen, als jeder normale Mensch in einem ganzen Jahr.

Wer das Ganze auf ein 18-Euro-Ticket reduziert, ist gefangen in einem Wertekäfig des leidenschaftslosen Wirtschaftens und hat zugleich nicht einmal verstanden, wie unsere Wirtschaft wirklich funktioniert. Dass man nämlich mit Kultur kein Geldverdienen kann, haben viele Menschen zuvor bereits erkannt, weshalb es heute sogenannte Kultursubventionen gibt. Müssten vom Ticketpreis alleine, alle Beteiligten ihren Lebensunterhalt bestreiten, würde sein Preis so hoch sein, dass gar keiner mehr hinginge.

Oder anders herum ausgedrückt für all jene, die ich mit meinem moralischem Werteverfallsgeschwafel ein paar Absätze drüber nicht überzeugen kann: Wer also, egal ob er um dieser Subventionsgelder weiß oder nicht, heute nicht den Weg zur lokalen Kulturbühne findet, verschenkt die Steuern, die er zahlt, egal ob er hingeht oder nicht.

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