Aug 26

Es sei noch angedeutet, dass zwei sich antinomisch ergänzende Persönlichkeitsstrukturen oft eine instinktive Anziehung aufeinander ausüben, eine Faszination – denn nichts pflegt uns stärker zu faszinieren, als wenn ein anderer überzeugend das vorlebt, was wir selbst auch als Möglichkeit ins uns ahnen, aber vielleicht unterdrückt oder nicht zu leben gelernt haben bzw. nicht leben durften. Es scheint so zu sein, dass wir durch den jeweiligen Gegentyp zur “Ganzheit” kommen möchten, zu einer Vollständigkeit, die uns aus unseer individuellen Begrenztheit und Einseitigkeit befreien soll, was ja auch einen wesentlichen Teil der geschlechtlichen Faszination ausmacht.

In diesem Sinne pflegen einerseits schizoide und depressive, andererseits zwanghafte und hysterische Persönlichkeiten sich anzuziehen. Ob darin unsere unbewusste Sehnsucht nach Ergänzung zum Ausdruck kommt, der Wunsch, am Partner das zu finden, was uns fehlt; ob wir darin die Möglichkeit ahnen, aus den Fesseln schicksalhafter Strukturfestgelegtheit erlöst zu werden? Jedenfalls kann in der antinomischen Anziehungen der Gegentypen eine Chance für solche Ergänzungen liegen. Aber nur, wenn wir bereits sind, das Anderssein des anderen anzunehmen, ihn ernst nehmen und verstehen wollen, können wir hoffen, dieses Andere auch ins uns selbst zu entdecken und zu entwickeln.

~ aus “Grundformen der Angst” von Fritz Riemann

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