Nov 01

Die Schulen und die Hochschulen versagen heute genauso wie die Fabrik, weil sie nichts anderes sind: Fabriken. Fabrikähnliche Arbeit, wie wir sie im vorangegangenen Kapitel beschrieben haben, und das standardisierte Lernen in der Lernfabrik weisen erschreckende Parallelen auf.
Genauso wie die fabrikähnliche Arbeit stammt auch unser Bildungssystem aus einem anderen Zeitalter. Es wurde zu einem völlig anderen Zweck konstruiert, der heute nicht mehr existiert.

[...] Alles in allem ist die Schule heute eine Mischung aus dem kirchlich geprägten Mittelalter, der Renaissance bzw dem Humanismus mit seinem Faible für die Antike, der Aufklärung mit der Akzeptanz der säkularisierten Naturwissenschaften, der industriellen Revolution mit ihren Erfordernissen an die Grundbildung in der Breite der Arbeiterschaft und zuletzt der Vormachtsstellung Preußens mit seiner Internationalität.
Aus diesen Versatzstücken lassen sich Schulformen, Unterrichtsformen, Prüfungen, Lehrpläne und Stundenpläne, Schulzeiten und die Gepflogenheiten an den Schulen und Hochschulen in ihrer heutigen Form beinahe lückenlos zusammenstecken. [...]
Es gibt hierzu ein geniales Buch von John Taylor Gatto: Verdummt noch mal! [in dem beschrieben steht,] was Kinder in der Schule wirklich lernen:

  1. Verwirrung: Der Stundenplan sorgt dafür dass alles, was unterrichtet wird, aus dem Zusammenhang gerissen wird und relativ oberflächlich bleibt
  2. Gesellschaftliche Schichtung: In den Schulklassen werden Kinder gleichen Leistungsniveaus zusammengefasst. Je nach Art der Schule/Klasse lernen sie, wo ihr Platz in der gesellschaftlichen Pyramide ist
  3. Gleichgültigkeit: Da bei Ertönen der Pausenglocke eine auch noch so interessante Unterrichtsstunde abgebrochen wird, lernen die Kinder, “dass es keine Arbeit gibt, die es wert ist, zu Ende geführt zu werden”. Irgendwann engagieren sie sich dann nicht mehr – oder tun bloß so als ob
  4. Emotionale Abhängigkeit: Durch positive und negative Verstärkung, durch Lob und Strafe des Lehreres lernen die Schüler, “ihren Willen der vorherbestimmten Befehlskette zu unterwerfen”
  5. Intellektuelle Abhängigkeit: Die Lehrer sagen den Schülern, was sie denken und lernen sollen. So werden sie auch in Zukunft Hierarchien, mangelnde Autonomie und Unselbstständigkeit akzeptieren.
  6. Labiles Selbstbewusstsein: Da die Leistungen und das Verhalten der Schüler fortwährend beurteilt werden, lernen die Kinder, sich der Bewertung durch andere Menschen zu unterwerfen, anstatt sich auf ihr eigenes Urteil zu verlassen
  7. Man kann sich nicht verstecken: Kinder werden nicht nur in der Schule fortwährend beobachtet, sonder die Überwachung erstreckt sich auch indirekt auf Familienzeit, da die Schüler dann die Hausaufgaben machen müssen

[...] Und diese Menschen, die mit der Schulabschlussfeier hinten aus der Lernfabrik herausmarschieren, treten danach ins Arbeitsleben ein. Und nun? Sie haben zwar, wenn alles gutgeht, die fachliche Kompetenz, die Theorie, die formalen Fähigkeiten. Aber was ist mit all den anderen so wichtigen Kompetenzen?

~ aus “Hört auf zu arbeiten!” von Anja Förster und Peter Kreuz

Wenn dir der Artikel gefallen hat, abonniere den kostenlosen RSS-Feed von !
Deine Meinung: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
5.00 von 5 Punkten, basierend auf 1 abgegebenen Stimmen.
Loading ... Loading ...
2,218 views

Ein Kommentar zu “Bildungsversagen”

Hast du keine Meinung?
  1. Andreas Romeyke meinte:

    Vielen Dank für den Buchtipp…nach Dietrich Schwanitz sicherlich eine weitere Bereicherung eine seltenen Rohstoffes dessen verschwinden mehr und mehr ignoriert wird.

Kommentieren