Mrz 17

zeit zum umdenken leben in verzichtFreiheit von heute kommt in einer dichtbesiedelten Welt ohne ein Gegenüber nicht aus: Das ist heute nicht nur der Andersdenkende, sondern auch der anderswo oder erst künftig lebende Mensch, den man ungefragt in den eigenen Stoffwechsel einbindet. Auch die andersartigen Lebewesen, die vom eigenen Lebensstil betroffen sind, gehören dazu.
In diesem Sinn ist eine Marktwirtschaft, die in ihren Bilanzen Natur einen Eigenwert und Umweltschäden eine hohen Preis zumisst und die nicht vom beständigen Wachstum des Materialverbrauchs abhängig ist, viel freier als das, was bei selbsternannten “Liberalen” unter freier “Marktwirtschaft” verstanden wird.
Ein in diesem Sinn freiheitsliebender Mensch muss heute wild entschlossen sein, so zu leben, dass er keine Spur der Zerstörung hinterläst und sein Geld dazu dient, technologisch mit den Ökosystemen der Natur zu wachsen statt gegen sie.

Dieser neue Freiheitsdrang gärt allerdings erst noch: Er wird indirekt spürbar in den Pathologien des westlichen Lebensstils wie Diabetes, Depressionen, Übergewicht und Burn-out, in den sporadischen Wellen von medialer Errregung über Klimawandel und von Spendenbereitschaft bei humanitären Katastrophen, in der generellen Offenheit für umweltfreundliche Produkte bevor die wahrgenommenen Zwänge des Alltags wieder zuschlagen.
Das Unwohlsein in einem Lebensstil, der den Einzelnen bis zur Überforderung beschleunigt und statt Wohlstand Materialumsatz erzeugt, wächst trotz der vielfältigen medialen Möglichkeiten, es zu ersticken.

Wann ändert sich das Leben nicht von wenigen, sondern von Hunderten Millionen Menschen spürbar, wie bei den vorangegangenen Schüben von Modernisierung? Wann beginnt der Ausbruch aus Denkschemen der Negativprognosen, denen zufolge schon besiegelt ist, dass Kohlendioxidemissionen, Naturverbrauch, Fleischkonsum bis 2020, 2030, 2040, 2050 um sounso viele Prozent “zunehmen werden”, wie es meist heißt, statt: “zunehmen könnten, falls die Menschen nicht von ihrer Freiheit Gebrauch machen, es anders zu tun”?
Für die Freiheit, es anders kommen zu lassen, ist noch Zeit. Schon das ursprüngliche Modell der “Grenzen des Wachstums”, das Donella und Deannis Meadows Anfang der 70er Jahrer am Massachusetts Institute of Technology entwickelt haben, sah eine krisenhafte Wende erst ab dem Jahr 2020 vor. Bis dahin sieht alles so aus, als wären die Probleme lösbar. Für Prognosen wie den IPCC-Bereicht steht nun eine millionenfach größere Modellierkraft zur Verfügung als Meadows sie hatte. Sie führt zu einem ähnlichen Zeithorizont: Immer stärker werden die verschiedenen “Umweltprobleme” zusammenwirken, sich verstärken, zu neuen Phänomenen führen und schließlich mit großer Wahrscheinlichkeit in einem gefährlichen Modus des Anthropozäns münden.

Die Bürger der Industrieländer stehen vor der Wahl: Entweder sie führen die Exzesse wieter an. Oder sie gehen den kreativeren Weg: zu einer Kultur gemäßigten Verbrauchs und exzessiver Forschung. Er ist anstregender, aber ungleich lohnender. Er führt in eine schlankere, besonnere Gesellschaft mit neuen Rhythmen, neuen Wohlstandsquellen, neuen Technologien. Ein führender Automanager sagte über die Effizienzstrategie seines Unternehmens: “Wir verdienen, indem wir verzichten”. Das könnte das Motto einer neuen Ökonomie werden.

~ aus “Menschenzeit” von Christian Schwägerl

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