Dez 06

was passiert mit facebook datenSocial Media war gestern. Treffender kann man es nicht auf den Punkt bringen. Danke für die klaren Worte, Mr. Woods! Der Deutschland-Chef von Facebook demonstriert im Interview mit derhandel.de, dass er begriffen hat worum es wirklich geht: sich nackig zu machen. Einen neuen, besseren, also passenderen Begriff hat er noch nicht vorgeschlagen, aber wie wäre es denn mit “Intimate Media”?!
Und wer hat sich überhaupt ursprünglich mal diesen Begriff “Social Media” aus dem verbrannten Hirn gesogen? “Sozial” vom lateinischen “socialis” abgeleitet bedeutet natürlich im weitesten Sinne “gesellschaftlich”, was umgangsprachlich meist im Sinne von “Interesse an und Sympathie mit anderen” ausgelegt wird. Tatsächlich beinhaltet “sozial zu sein” aber eine starke altruistische Komponente, die das reine Interesse bis zur Fürsorglichkeit ausdehnt und sogar uneigennützige also gemeinnützige Taten produziert.

Die Art und Weise, wie Facebook heute von 80% aller privaten Nutzer verwendet wird, hat damit soviel zu tun wie Bambi-Bushido mit Integrationserfolg. Es herrscht ein latentes Klima des Egozentrismus’, in dem jeder permanent zu zweckfreier Selbstvermarktung animiert wird und im Nachgeben an diesen Drang teufelskreisartig ebenso andere animiert. Das Spektrum resultierender Darbietungen reicht von wortkargen Befindlichkeitsbekundungen – “bin sauer :-( ” – über mittelausführlich, aber immernoch triviale Standortmitteilungen – “Heute morgen Frühstück am Hauptbahnhof” – oder das Zeugnis extrinsischer Hinderung an einer Standortänderung – “Die Drecksbahn ist wieder ausgefallen!” – bis hin zu großzügig bilduntermalter Dokumentation von Freizeit, seltener Arbeit, umso häufiger neidpotentem Urlaub, Hobbies, natürlich Haustiere und meist last_but_also_least Familie. Wobei die letzteren beiden in vielen Fällen substitiv auftreten, denn wer keine Kinder hat, holt sich nur zu gern ein Tier als Ersatz, das wiederum aber stellvertretend wie ein kleiner Mensch behandelt, angesprochen und zur Schau gestellt wird: “Jacky und ich beim Chillen am Pool…”.
In diesem Zerrbild einer utopischen Spaßgesellschaft ist die Beziehung zu anderen nur dadurch gegeben, dass man im Gegenzug für den Persönlichkeitsstriptease um möglichst viel Anerkennung in Form von “Likes” buhlt. Eine scheinbar direkte Korrelation zwischen der Oberflächlichkeit eines Posts und der Anzahl darauffolgender Likes und Kommentare verstärkt den circulus vitiosus, was unweigerlich den Eindruck hinterlässt, als seien Facebook-Nutzer quasi ausschließlich davon getrieben, sich auf der Plattform Bestätigung für ihren eigenen extrovertierten Charakter einzuholen, die sie anderorts und vor allem im wahren Leben vergeblich suchen.

Wundern muss man sich nicht, dass das für Unternehmen ein gefundenes Fressen ist. Wer es geschickt anstellt, und von Facebook dann wohl bald die richtigen Tools an die Hand bekommt, kann sich bildlich und sprichwörtlich wie ein Voyeur am FKK-Strand fühlen. Zurecht kritisiert Deutschlandchef Woods jene Unternehmen, die sich zu stark darauf konzentrieren, “ihre Community zu managen”. Das Ziel eines Händlers sei nicht, “sozial zu sein, sondern erfolgreich zu wirtschaften”. Eine konsequente Anpassung an die unsozialen Nutzer von Intimate Media, die hier auf erfolgsversprechende Wirtschaftssubjekte reduziert werden. Dass die Nutzer bereitwillig so viel über sich und ihr Leben erzählen, ist das Argument mit dem Woods natürlich auf Unternehmerseite punkten will und wird: “Beispielsweise kann ein Händler seine Zielgruppe nach lokalen oder demographischen Gesichtspunkten auswählen und ansprechen oder nach relevanten Themen und Interessen.”
Spätestens jetzt dürfte auch den letzten klar werden, welchen Preis ihr emotionaler wie persönlicher Striptease sie wirklich kostet: den Verlust der Kontrolle über die eigene Privatsphäre. Aber solange sich das nur gelgentlich in einer kleinen personalisierten Werbe-Anzeige im täglichen Newsfeed äußert, dürfte das die meisten nicht davon abhalten, sich weiter nackig zu machen… Die kann man ja im Zweifel immer noch wegklicken!

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