Jan 02

Wer überhaupt nicht mehr weiß, woher er kommt, kann auch nicht mehr wissen, wohin er will. Das gilt auch für Gesellschaften. In ihnen ist trotz aller Irrungen und Wirrungen, trotz aller notwendigen Weiterentwicklungen und Aufklärungen ein jahrtausendealtes Wissen über das, was im Leben des Menschen wirklich wichtig ist, aufgehoben. Es ist ein Zeichen für die Gesundheit einer Gesellschaft, wenn ihr diese Quellen zugänglich sind. Gesellschaften, die sich neu ausrichten, tun das nicht selten unter Rückgriff auf ihre historischen Erinnerungsbestände. Nach dem Ende der autokratischen Diktaturen in Nordafrika besinnt man sich in den Ländern des arabischen Frühlings auf den Islam, um irgendwie aus ihm einen aussichtsreichen politischen Aufbruch zustande zu bringen, nach dem Ende der Militärdiktaturen Lateinamerikas besinnt man sich auf die indianischen Ursprünge, um die Eigenständigkeit der neuen politischen Bewegungen zu sichern, und auch in China lebten beim Neuaufbruch die alten konfuzianischen Traditionen wieder auf.

Doch in Europa ist das anders. Die drastischen Fälschungen der Geschichte [...] haben die religiösen Wurzeln gekappt, aus denen Europa erwachsen ist. Wer einmal verfolgt hat, wie viel Unsinn alleine in einem nur halbjährigen Wahlkampf über eine Partei von ihren Gegnern verbreitet wird, den wird es nicht weiter wundern, dass jahrhundertelange Kampagnen gegen Christentum und Kirche, gegen Katholiken und Protestanten ganze Arbeit geleistet haben. Daher ist das Christentum in Europa keine ernsthafte Option. Und so haben die Europäer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens die Orientierung verloren. Als spirituelle Geisterfahrer ohne Woher und Wohin sind sie zutiefst verunsichert und anfällig für jeden Hokuspokus. Sie basteln sich eine höchstpersönliche Patchwork-Religion zusammen mit ostasiatischen Schnittblumen und dem, was sonst noch auf dem Markt ist. Das ist eine persönliche Katastrophe, weil so etwas in existenziellen Krisen im Ernst niemanden wirklich trägt. Es ist aber auch ein gesellschaftliches Problem. Gregor Gysi hat neulich bekannt, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil der die Solidarität abhanden kommen könne. Sozialismus sei schließlich nichts anderes als säkularisiertes Christentum.

Die tiefe existenzielle Verunsicherung durch die Fälschung der Geschichte macht viele Menschen heimatlos und auf diese Weise zu umso leicherten Opfern all der anderen Fälschungen der Welt [...]. Denn entlarven kann man diese machtvollen Fälschungen nur, wenn man für sich selbst einigermaßen klar hat, wo man herkommt, wo man eigentlich steht und was die existenzielle Welt, was also Liebe, was Gut und Böse und was der Sinn des Lebens wirklich ist. Die Ideologen wussten das immer schon. Deswegen haben sie ihre Fälschungen der Welt immer auch mit einer Geschichtsfälschung begleitet, damit nicht aus der wirklichen Geshichte die Kräfte aufstehen können, die ihre menschenverachtenden Konstruktionen als einen einzigen zynischen Bluff entlarven.

~ aus “Bluff! Die Fälschung der Welt” von Manfred Lütz

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