Jan 25

wtf charlie je ne suis pas

digitales graffiti im kollektiv: nous sommes charlie? noch nie schien die welt so geeint. und das ist ja irgendwie auch mal schön. aber sind wir uns wirklich einig? bist du wirklich charlie? wissen wir wofür charlie hebdo steht? wissen wir, wozu wir uns da eigentlich bekennen?!
wie immer lohnt es sich – um nicht falsch verstanden zu werden – eingangs und eingehend zu betonen um: was in paris passiert ist, war grausam und kann mit nichts legitimiert werden. und umgekehrt: davon ausgehend, dass es sich wahrhaftig um einen terroranschlag handelte, ist nichts rührender und begeisternder als zu sehen, dass sie nicht nur mit dem ziel ihres terrors gescheitert wären, sondern in gewisser weise das genaue gegenteil bewirkt hätten. denn ironischerweise ist dieses attentat gleichzeitig die rettung für dieses zuletzt kriselnde satiremagazin, das wahrscheinlich ohnehin über kurz oder lang am bankrott zugrunde gegangen wäre.

nun ist charlie hebdo lebendiger denn je, dazu noch weltbekannt und erschien dank vieler solidaritätsbekundender zuschüsse als sonderausgabe in verhundertfachter auflage. zugegeben mit einem – aus rein humoristischen gesichtspunkten – genialen titelbild, wie es treffender und reaktionärer von charlie hebdo nicht hätte konstruiert werden können.
aber sollten wir uns, bevor WIR charlie sein wollen, nicht dennoch die frage stellen, wer oder was ist charlie überhaupt? lohnt es sich nicht, zu kennen, wozu wir uns bekennen?
das hat zum einen initial mit identität zu tun – also, was steckt hinter charlie, was verkörpert es allgemein – zum anderen aber auch nachträglich mit der geste der erneuten provokation an sich – also, heißen wir ganz konkret diese form der auseinandersetzung gut?

ich für meinen teil bin gerade erst ganz am anfang meiner recherchen über wie und was charlie hebdo eigentlich genau war und ist und wofür es steht. Und ich werde nicht umhin kommen, nach den alten zeichnungen zu graben, denen man soviel respekt- und geschmacklosigkeit nachsagt; werde mir selbst eine meinung bilden, nicht nur darüber, inwiefern hier und da grenzen überschritten wurden, sondern auch welche (sozio)politische botschaft das magazin nach außen trug. ist es etwas, mit dem man sich bewusst identifizieren kann und will?
aber auch ohne berücksichtigung der identitätsbildenden historie kann jeder für sich bereits die zweite der beiden fragen beantworten: finde ich diese erneut gewählte form der konfrontation mittels einer mohammed karikatur wirklich eine adequate reaktion?
mal davon abgesehen, dass zweifel an der attribution von religion mit den wahrhaftigen motiven der attentäter mehr als berechtigt und daher angebracht sind, steht doch mehr noch die frage im raum ob die gesellschaftlichen opportunitätskosten eines affronts der gesamten islamischen religionsgemeinschaft nicht viel zu hoch sind, als dass diese form der auseinandersetzung mit ideologisch verirrten und geistig verwirrten extremisten ethisch vertretbar wäre.

natürlich, auch ich bin für meinungsfreiheit und humor. aber! … humor ist geschmackssache und die eigene freiheit endet bekanntlich dort, wo die freiheit des anderen beginnt. freiheit im sozialen miteinander bedeutet immer auch konsens, in diesem sinne darf auch satire keinen freifahrtsschein erhalten. in unserer globalisierten welt, in der sich grenzen durch den zunehmenden grad an interdependenz und vernetzung immer mehr auflösen, ist genau die berücksichtigung dessen die größte herausforderung im täglichen dialog und der konfliktlösung.
losgelöst von der ethischen gratwanderung, die sie meist ohnehin beschreiten muss, ist satire hier zudem kontraproduktiv, weil von ihrem wesen her schon niemals konstruktiv. auch wenn man argumentieren kann, das attentat selbst sei ebenso dialogbefreit wie charlies antwort darauf, wird man nicht umhin kommen den teufelskreis zu bemerken, den die legitimation nach dem grundsatz „gleiches mit gleichem“ mit sich bringt. oder um es mit den neuerlichen worten von robert schlegel auszudrücken: wer wind säht, wird sturm ernten. gilt es nicht auch das zu berücksichtigen?

ein letztes mal, denn wahrscheinlich kann ich es nicht oft genug hervorheben: mir geht es nicht darum, irgendetwas, von dem, was geschehen ist, zu de-/legitimieren, weder auf der einen noch der anderen seite. ich sträube mich lediglich gegen die vorschnelle, derzeit allgegenwärtige assoziation, mit der sich in letzter zeit so viele kleiden, die scheinbar die kausalität mit der dahinterliegenden identifikationsfrage ausblenden, die sich eben nicht nicht pauschal und leichtherzig beantwortet lässt.

und weil ich weiss, welche argumente zweifelsohne auf diesen gegenappell folgen werden: ja, trauer ist wichtig. ja, solidaritätsbekundung ist wichtig. und gemeinsam gesicht zeigen auch. ich verstehe die symbolik. aber wir nehmen die terroristen für bare münze, die sich zum islam bekennen und erwarten von allen moslems, dass sie sich von ihnen distanzieren.
dann können wir auf der anderen seite nur hoffen, wenn wir uns – und sei es der solidarität halber blind – zu einem radikal offensiven unternehmen bekennen, das unter dem deckmantel von freiheit und demokratie auf provokativste – und im übrigen nach deutschem recht auch strafbare – weise über 20% der weltbevölkerung vor den kopf stößt, dass uns diese symbolträchtige bekennung am ende nicht falsch ausgelegt wird.
und das reicht mir, um zum gegenwärtigen zeitpunkt den ausschlag zu geben: je ne suis pas charlie! und alle anderen schafe da draußen sollten sich vielleicht langsam auch einmal fragen: wtf is charlie?!

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3 Kommentare zu “Who the f*** is Charlie”

Hast du keine Meinung?
  1. Horst Schulte meinte:

    Über die Zusammenhänge und die Wirkung von anhaltenden Provokationen habe ich mir zu Hause ebenfalls viele Gedanken gemacht. Andererseits bleibt der Fakt, dass alle denkbaren Reaktionen, die andere Menschen verletzen oder sogar töten immer und grundsätzlich kompromisslos abzulehnen sind. Deine Position wirkt mir in dieser Hinsicht nicht eindeutig.

    Wir positionieren uns eindeutig für unsere Werte. Das ist nötig, und ich finde das auch völlig angebracht. Aber es gilt irgendwann auch mal zu klären, ob unsere Sichtweise immer diejenige ist, die über allen anderen zu stehen hat.

  2. tobe meinte:

    @horst: ah cool, dass du noch mitliest. ich hätte gesagt ich habe klar geäußert, wie ich zu diesem akt des terrors stehe. ablehnbar finde ich aber auch die kompromisslose und vor allem kollateralschädliche art der unruhestiftung wie dieses satiremagazin es betreibt. insofern geht es glaube ich auch in die gleiche richtung wie deine fragestellung des letzten absatzes, ob unsere sichtweise (als repräsentation eines ganz bestimmten welt- und wertebildes) über alle anderen stehen darf/sollte…

    inwiefern findest du meine position nicht eindeutig?

  3. Horst Schulte meinte:

    So kann ich es voll und ganz nachvollziehen. Das war mein Punkt gewesen und ich hatte dich insofern missverstanden.

    LG
    Horst

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