Jul 25

no news terror münchen 22.07.heute morgen einen Artikel über adblock plus bzw dessen Erschaffer gelesen. die Kölner Möglichmacher informationeller Selbstbestimmung werden jetzt tatsächlich vor Gericht gezerrt.
die Verlage argumentieren, dass ihr Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit sich auch auf die Ausgestaltung der Inhalte erstrecke und dieses Interesse das Recht der informationellen Selbstbestimmung des Verbrauchers überwiege.
Essenz des Problems ist – wie der Artikel korrekt resümiert – dass niemand derzeit für Nachrichten zu zahlen bereit ist und zugleich niemand Werbung sehen möchte.

der Anspruch der Bevölkerung ist tatsächlich einer, der die Rundfunkgebühr legitimiert, weil sie eine Möglichkeit darstellt, dieses Dilemma aufzulösen. eine pauschale Zwangsabgabe, die gewährleistet, dass die Nachrichtenmacher von ihrer Arbeit leben können und zugleich der Nachrichtenabruf an sich kostenlos ist.

zugleich dürften und durften die Beitragszahler auch die berechtigte Erwartung haben, dass öffentlich rechtliche Berichterstattung professioneller im Sinne von neutraler und fundierter als bei den Privaten erfolgt. tatsächlich aber sind die Grenzen heute so verschwommen wie nie.
ard, zdf und co schalten mittlerweile nicht nur werbung im TV, sondern begeben sich – wie jüngst auch wieder im Fall des Münchner Amokläufers erkennbar – auf ein Niveau herab, das einer Mischung aus Boulevardpresse, privatfinanzierter Dauernachrichten-Sendungen und sozialer Medien gleicht. Spekulationsfieber und Gerüchteverbreitung inklusive.

Was ankommt, ist der Eindruck, von etablierten Nachrichtenhäusern nicht besser informiert zu werden als über die Timeline des eigenen “kostenlosen” Facebook-Accounts. Dabei steht doch offensichtlich außer Frage, dass Reporter heutzutage den Wettbewerb in zeitlicher Dimension noch gewinnen können. Neuigkeiten erreichen Menschen über Twitter un Co uneinholbar schnell. Schneller als jeder Reporter vor Ort sein kann und durch Dokumentationsmöglichkeiten von Smartphones auch unmittelbarer als je zuvor.

Doch als hätten sie den Schuss nicht gehört, versuchen sich alle News-Outlets noch immer stupide in Sachen neuester Neuigkeiten und in der schieren Menge dieser zu übertrumpfen.
Anstelle mit Gerichtsprozessen Symptombekämpfung zu betreiben, sollten Rundfunkanstalten und Verlage sich heute wieder und mehr als jemals zuvor die Qualitätsfrage stellen: also, wie kann ich über Qualität einen Mehrwert gegenüber anderen Formaten und Kanälen schaffen, für den meine Zielgruppe eine Zahlungsbereitschaft besitzt? Das funktioniert nicht von jetzt auf gleich, sondern ist ein Prozess mit Verschiebung hin zu neuen Wertvorstellungen, die sich erst noch etablieren müssen.
Aber dass es funktioniert, zeigen die ersten Paywall-Experimente derjenigen, die diesen Schritt bereits gewagt haben. Allen voran auch die taz mit dem freiwilligen Abo für die Onlineinhalte auf taz.de, das immer mehr Anhänger findet.
Solange wie dieses Umdenken nicht stattgefunden hat, ist das Beste, was man an Tagen wie dem 22.07.2016 tun kann, um ein realitätsnahes Bild der Geschehnisse zu bekommen, Fernseher und Radio auszuschalten und den Newsfeed der ansässigen Polizeidienststelle zu abonnieren. Kostenlos und werbefrei.

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Ein Kommentar zu “Der Markt für Nachrichten ist kaputt”

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  1. Uwe meinte:

    Sehr gut argumentierte Betrachtung und Bewertung unserer Medienlandschaft (Nachrichten, News etc.).
    Auch ich werde mir überlegen, das TAZ Online-Abo zu besorgen. Wenn unsere Nachrichtenmedien/-verlage schon nicht in der Lage sind, uns zeitnahe Aktuelles zu liefern, sollten sie zumindest in der Lage sein, relevante News journalistisch hochwertig aufzuarbeiten. An dieser Stelle ein dickes Lob an das ARD, das mit seinem investigativen Journalismus, das Staatsdoping von Russland zu einem global diskutierten Thema entwickelt hat und das darüber hinaus weitreichende Konsequenzen für das Doping über alle Sportarten hinweg nach sich zieht (hoffentlich).

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