Jan 02

Wer überhaupt nicht mehr weiß, woher er kommt, kann auch nicht mehr wissen, wohin er will. Das gilt auch für Gesellschaften. In ihnen ist trotz aller Irrungen und Wirrungen, trotz aller notwendigen Weiterentwicklungen und Aufklärungen ein jahrtausendealtes Wissen über das, was im Leben des Menschen wirklich wichtig ist, aufgehoben. Es ist ein Zeichen für die Gesundheit einer Gesellschaft, wenn ihr diese Quellen zugänglich sind. Gesellschaften, die sich neu ausrichten, tun das nicht selten unter Rückgriff auf ihre historischen Erinnerungsbestände. Nach dem Ende der autokratischen Diktaturen in Nordafrika besinnt man sich in den Ländern des arabischen Frühlings auf den Islam, um irgendwie aus ihm einen aussichtsreichen politischen Aufbruch zustande zu bringen, nach dem Ende der Militärdiktaturen Lateinamerikas besinnt man sich auf die indianischen Ursprünge, um die Eigenständigkeit der neuen politischen Bewegungen zu sichern, und auch in China lebten beim Neuaufbruch die alten konfuzianischen Traditionen wieder auf.

» Weiterlesen »

Nov 21

Es war einmal ein Mann, der fürchtete sich vor seinem Schatten und hasste seine Fußspuren. Und um beiden zu entgehen, ergriff er die Flucht. Aber je öfter er den Fuß hob, um so häufiger ließ er Spuren zurück. Und so schnell er auch lief, löste sich der Schatten nicht von seinem Körper. Da wähnte er, er säume noch zu sehr; begann schneller zu laufen, ohne Rast, bis seine Kraft erschöpft war und er starb.
Er hatte nicht gewusst, dass er nur an einem schattigen Ort zu weilen brauchte, um seinen Schatten los zu sein. Dass er sich nur ruhig zu verhalten brauchte, um keine Fußspuren zu hinterlassen.

~ aus “Die drei Sprünge des Wang-lun” von Alfred Döblin

Okt 26

Die Pressearbeit ist schon etwas Mühseeliges, so ganz ohne Gleichschaltung. Nicht nur für Politiker wie mich, die ein Volk zu erretten haben, nein, es ist mir auch absolut unbegreiflich, warum man derlei den deutschen Menschen antut.
Nehmen wir etwa diese Wirtschaftsberichte. Jeden Tag sagt ein anderer “Fachmann”, was nun zu tun wäre, und am folgenden Tag sagt dann wieder ein anderer, noch größerer “Fachmann”, warum das gerade das Allerfalscheste wäre und folglich die gegenteilige Lösung die beste sei.
Es ist ebendas jenes jüdische, wenn auch inzwischen offenbar hier weitgehend ohne Juden arbeitende Prinzip, dessen einziger Inhalt es ist, das größtmögliche Chaos zu verbreiten, weshalb die Menschen auf der Suche nach Wahrheit noch mehr Zeitungen kaufen müssen und noch mehr Fernsehsendungen ansehen.

» Weiterlesen »

Okt 09

restaurant kritik test pungshaus hilden fachwerkAnfang der Woche zum ersten mal im Pungshaus gewesen. Was für ein Ambiente! Das alte Fachwerkhaus ist innen aufwendig im Bauernhausstil eingerichtet. Die Raumelemente sind zwar nicht immer echt, aber mit Liebe für’s Detail integriert, das gemütliche Gesamtbild stimmig und authentisch.
Neben einer bescheidenen Auswahl an Speisen á la carte gab es drei 4- bis 6-gängige Menüs, eines davon teilweise selbst konfigurierbar, das andere eine komplette Überraschung. Besonders lecker lasen sich zudem die wechselnen Gerichte von der Kreidetafel, auf die wir leider erst nach der Bestellung aufmerksam wurden. Die Speisen waren erstklassig, Fleisch und Fisch auf den Punkt gegart und zu allem gab es Gemüse statt Salat.

» Weiterlesen »

Mrz 17

zeit zum umdenken leben in verzichtFreiheit von heute kommt in einer dichtbesiedelten Welt ohne ein Gegenüber nicht aus: Das ist heute nicht nur der Andersdenkende, sondern auch der anderswo oder erst künftig lebende Mensch, den man ungefragt in den eigenen Stoffwechsel einbindet. Auch die andersartigen Lebewesen, die vom eigenen Lebensstil betroffen sind, gehören dazu.
In diesem Sinn ist eine Marktwirtschaft, die in ihren Bilanzen Natur einen Eigenwert und Umweltschäden eine hohen Preis zumisst und die nicht vom beständigen Wachstum des Materialverbrauchs abhängig ist, viel freier als das, was bei selbsternannten “Liberalen” unter freier “Marktwirtschaft” verstanden wird.
Ein in diesem Sinn freiheitsliebender Mensch muss heute wild entschlossen sein, so zu leben, dass er keine Spur der Zerstörung hinterläst und sein Geld dazu dient, technologisch mit den Ökosystemen der Natur zu wachsen statt gegen sie.

» Weiterlesen »

Mrz 04

wiki folio aktienhandel mit dem wisser der profi traderNeulich bin ich über Wikifolio gestolpert. Hat mich sehr an Smava erinnert. Von Privat – für Privat. Während es bei smava um Kredite ging, macht man auf wikifolio “Geschäfte” mit Aktien. Bei beiden Plattformen ist die Rolle der Bank auf ein sympathisches Minimum reduziert. Das Prinzip ist so simpel wie genial: Trader melden sich auf wikifolio an und stellen ihr Trading-Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung. Eine Bank macht im Hintergrund die Trading-Empfehlungen handelbar, indem sie ein darauf basierendes Zertifikat publiziert, das jeder käuflich erwerben kann. An und für sich wie ein Aktien-Investmentfonds, mit dem Unterschied einer humaneren Gebührenstruktur, die sich neben der Transparenz vor allem darin von vergleichbaren Konstrukten im Angebot von Banken abhebt, dass sie zum größten Anteil performanceorientiert ist. Neben geringen Fixkosten für den initialen Erwerb – abhängig auch von den Ordergebühren der Bank, über die das Zertikat gekauft wird – gibt es eine dynamische Provision, die aber immer nur dann fällig wird, wenn ein ein Tagesgewinn von mehr als 5% erzielt wird. Kein Gewinn für den Anleger heisst keine Provision, bedeutet auch kein Geld für den Trader.
Man stelle sich vor, was bei den Banken und Maklern los wäre, müssten sie nach diesem Prinzip handeln!!

Feb 14

Tobe berichtete Anfang 2012 bereits über die wenig beachteten Moral-Fehltritte der Einkaufsplattform Amazon. Deutlich mehr Aufsehen erregte nun eine sorgsam recherchierte Reportage im gestrigen Spätabendprogramm der ARD. Die Reporter hatten sich auf das Arbeitslager der Zwangsarbeiter in Bad Hersfeld eingemietet. Oh, was habe ich gesagt? Natürlich meine ich das Wohnlager der Leiharbeiter. Glaubt man den Äußerungen derjenigen, die die Doku gesehen haben, besteht jedoch akute Verwechslungsgefahr, vor allem wenn man erst mittendrin reinschaltet… Rundfunkgebühr Mediathek sei Dank werde ich mir heut abend mein eigenes Bild machen: Klick!

Feb 12

Es gibt einen Kult des schnellen Jetzt, um den massiven Verbrauch von Erdöl, Rohstoffen und Natur zu legitimieren. Die Vorstellung, das Leben und Wirtschaften auf einen Zeitraum von zwanzig oder sogar hundert Jahren anzulegen, erscheint in der Logik ihrer eigenen Krisen vermessen. Wenn eine Weltwirtschaftskrise so abrupt kommen kann wie die von 2008, wie sollte man dann Klimaforschern Glauben schenken, die behaupten das Jahr 2050 vorauszuberechnen? [...]

» Weiterlesen »

Jan 20

dschango unchained kino test kritikSo langsam bekomme auch ich Respekt vor ihm. Zweifelsohne, seine Signatur war, ist und bleibt unverkennbar: Quentin Tarantino, ein Mann – ein Mythos. Wenngleich ich mit den meisten seiner “alten” Filme nicht wirklich etwas anfangen konnte. Für mich macht einen guten Film aus, wenn er eine Aussage hat. Ein Fazit… eine Moral… von der Geschichte und aus der Geschichte heraus, die er erzählt. Bei Tarantinos Filmen dagegen hatte ich immer den Eindruck, sie lebten mehr von den Protagonisten als der Handlung. Es sind Charakterstudien, nicht selten ins Tragischkomische verzerrte Existenzbeschreibungen. Der Mensch wie er mit dem Leben hadert, und den Geschichten, die es zu erzählen weiss… Geschichten, die freilich nicht immer spannend sind. Spannend oder amüsant wird es, wenn Tarantino seine Marionetten des Authentizismus tanzen lässt. Die Erkenntnis darüber, was er genau sagen will, bleibt nicht selten nur den fanatischsten Anhängern vorbehalten. Und nur zu gern führt man Diskussionen darüber, ob die Menschen wirklich so sind, oder zumindest sein könnten, wie Quentin sie portraitiert. Normale Menschen in außergewöhnlichen Situationen. Oder außergewöhnliche Menschen in ganz normalen Situationen.

» Weiterlesen »

Dez 08

Ihr nennt es Demokratie. Habt das Gefühl ihr habt Einfluss auf irgendwas. Dabei geht ihr nicht mal wählen. Wen wundert, dass niemand mehr repräsentiert. Außer sich selbst. Niemand will repräsentiert werden. Mittlerweile reicht es, sich selbst zu repräsentieren. In uferloser Bedürfnisbefriedigung durch Konsum. Charakterlose Politik mit profillosen Parteien sind das Resultat. Ich bin satt von so wenig Einfluss. Demokratie als “ein politisches System, bei dem das Volk eine wesentliche mitbestimmende Funktion einnimmt”, erfordert Mündigkeit und Wissen. Ihr glaubt zu wissen, ohne zu wissen, dass ihr nur glaubt. Sicherer ist, nichts zu glauben. Mit den Worten von Kurt Tucholsky: Ich glaube jedem, der die Wahrheit sucht. Ich glaube keinem, der sie gefunden hat.

» Weiterlesen »